11.06.2023

Jes 31,6: Kehrt um zum Herrn, von welchem ihr so sehr abgewichen seid!

1Tim 1,15: Das ist gewißlich war und ein Wort, des Glaubens wert, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen.

Der neutestamentliche Begriff für Sünde „Hamartia“ kommt eigentlich aus dem Bogenschießen und bezeichnet die Distanz zwischen der Stelle, an der der Pfeil eingeschlagen ist, und dem Schwarzen der Zielscheibe. Grundsätzlich gilt hier der Satz „Knapp daneben ist auch vorbei“. Hier scheint Gottes Wort sich aber an Leute zu richten, die ihren Pfeil ungefähr da versenkt haben, wo Uli Hoeneß 1976 seinen Elfmeter hingesemmelt hat. Die beiden Worte „so sehr“ machen auf zwei Dinge aufmerksam:

  1. Wenn du „so sehr“ abgewichen bist, was bildest du Mensch dir dann ein, du könntest es aus eigener Kraft zurückschaffen?
  2. Das ganze „so sehr“, das du zwischen dich und Gott gebracht hast, bringt Christus am Kreuz zwischen sich und den Vater, um dich zurückzubringen.
  • Sei nüchtern und setze deine Hoffnung ganz auf die Gnade, die dir angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi!(1Pt 1,13)

Der Aufruf zur Umkehr an diejenigen, die „so sehr abgewichen“ sind, macht deutlich, daß für Gottes Herz nichts unüberwindlich, für Gottes Kraft nichts unmöglich und für Gottes Handeln niemand ein hoffnungsloser Fall ist.

Gerade Paulus verdeutlicht das oft an seinem eigenen Beispiel, wenn er z.B. den obigen Vers ergänzt mit „..., unter denen ich der Erste bin.“. Die Logik ist: Wenn Christus ihn als den Präsidenten aller Sünder eingeholt und ergriffen hat, wieviel mehr Hoffnung dürfen dann die „weniger Schlimmen“ haben! Während der Nürnberger Prozesse haben all diese Nazi-Bosse Besuch von Seelsorgern gekriegt. Nur einer hat sich bekehrt: Hans Franck, Hitlers Anwalt, Verfasser der Rasse-Gesetze, General-Gouverneur im besetzten Polen. Seine letzten Worte waren: Für meine Taten gehe ich zurecht in den Tod. Aber durch die Tat Jesu gehe ich aus Gnade ins Leben. Wenn für diesen Mann die Gnade Gottes ausreicht, und Paulus sich sogar als noch schlimmer bezeichnet, dann sollte ich vielleicht mal langsam anfangen, Jesus ernstzunehmen.

In der Geometrie ist es ja so, daß eine Abweichung um 11° gar nicht auffällt. Vielleicht fällt sie sogar über längere Zeit nicht auf. Irgendwann wird sie aber tödlich, wenn man durch eine lange Strecke mit anfangs nur 1° eine so große Distanz geschaffen hat, daß man keine Orientierung mehr findet. Gnade ist dann, wenn das „Schäfchen, wo bist du?“ des guten Hirten noch zu hören ist.

Nimmst du mich noch einmal an? Herr, ich hab soviel getan gegen deinen Willen, gegen deinen Rat. Hat deine Gnade nicht vielleicht ihre Grenzen jetzt erreicht, und du kannst nicht mehr verzeihen, was ich tat? Ging ich auch zuerst nur kleine Schritte fort von dir, so spür ich doch zwischen uns jetzt die Unendlichkeit. Und um jede Stunde ohne dich, alle Tage fern von dir, alle eig’nen Wege tut es mir heut‘ leid! Nimmst du mich noch einmal an? Ob es wieder werden kann, so wie damals, als ich nahe bei dir war? Was ich damals von mir stieß, als ich deine Hand verließ, wird mir erst aus meiner Ferne richtig klar. Du sollst wieder meine erste Freude früh am Morgen sein, und der letzte der Gedanken vor der Nacht. Und wenn einer von dir Gutes sagt, will ich mich wieder freu’n, und es soll mir wehtun, wenn man dich verlacht. Nimmst du mich noch einmal an? Herr, ich halte mich daran: Ich darf kommen, und du stößt mich nicht hinaus. Meine Flucht ist nun vorbei, ich gehör dir wieder neu. Es ist gut, bei dir zu sein, bei dir zuhaus‘!“ (M.Siebald)

Jens Döhling