12.11.2023

Bruderschaft ist, wenn ein Bruder den anderen schafft.

1Mo 45,24: Josef sprach zu seinen Brüdern: Zanket nicht auch dem Wege!

Kol 3,13: Ertraget einander und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage gegen den anderen hat!

Es gibt bekanntlich die „lieben Brüder“ und die „von Gott geliebten Brüder“, und seit 3,5 Jahren gibt es auch noch die „ausgebrüderten Brüder“ – nämlich diejenigen, die eine andere Art von Recht haben als ich. Manchmal ärgere ich mich, dass Jesus mich nicht nach meiner Meinung fragt; manchmal freue ich mich, dass Jesus andere nicht nach ihrer Meinung fragt.

Es wäre sehr spannend, mit der Familie Jakobs einmal eine Familien-Aufstellung zu machen. Wir erfahren zwar nicht von allen etwas. Was wir erfahren, reicht aber für die Diagnose, dass die aneinander nicht gerade gesund geworden sind – im Kern sicher wegen der schweren gemeinsamen Schuld an Josef. Bruderschaft als Knochenmühle – Ähnlichkeiten mit bekannten Einrichtungen sind rein zufällig. Komisch, daß die Bibel von Gemeinde Jesu immer ganz anders redet.

Es stimmt ja: Manchmal muss man Brüder „ertragen“, manchmal kann man sie auch nicht ertragen und muss ihnen „durch das Band der Liebe“ zurechthelfen. Das ist dann vielleicht „einander stützen und Handreichung tun“ als „Glieder an einem Leib, da Christus das Haupt ist“. Das fängt dann wohl mit Vergebung an.

In der Bibel hat Vergebung nie mit „Schwamm drüber“ oder mit „Wir verfehlen uns alle mannigfaltig“ zu tun. Das wäre „billige Gnade“. Die gibt es bei Christus nicht, und die ordnet er auch in seiner Gemeinde nicht an. „Billige Gnade rechtfertigt die Sünde, nicht den Sünder.“ (D.Bonhoeffer) Es geht um Vergebung, d. h., etwas, das da ist, wird weggegeben.

Die biblischen Aussagen „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat!“ und „Wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde, so lügen wir“ korrespondieren miteinander. Wie nimmt Christus uns also an? – Indem er uns das Unannehmbare abnimmt. Wie nehmen wir einander an? – Indem wir uns das Unannehmbare abnehmen und es an Christus ver-geben, damit er es in seinen Sieg mitnimmt.

Von Christus werden wir durch Buße angenommen. Gleichzeitig lehren wir aber, was das Miteinander angeht, das genaue Gegenteil: Das Opfer muss vergeben, der Täter muss gar nichts tun. Ist das „wie Christus euch“? „Wem ihr die Sünden behaltet, dem sind sie behalten“ muss ja ebenfalls korrespondieren.

Unversöhnlichkeit zerstört unsere Gemeinden in demselben Maße wie Unbußfertigkeit. Hier muss sich der eine ebenso dringend zum Kreuz Christi hinwenden wie der andere. Das Gleichnis vom Schalksknecht entfaltet seine Bedeutung da, wo Buße und Versöhnung nicht zusammentreffen.

Wir bleiben begnadigte Sünder. Es kann also sein, dass es beim Ertragen bleibt. Dennoch muss es zum Annehmen werden. Das geht wohl nur, wenn die lebendigen Steine, die Christus in seinen Tempel einbaut, sich selber sterben.

Jens Döhring